Die Kunst NEIN zu sagen: Geschichte einer Frau


Wenn ich an frühere Zeiten denke, muss ich mir eingestehen, dass ich mich nicht auf eine gesunde und natürliche Art nach außen abgrenzen konnte. So war ich jahrelang in einem überlasteten und gestressten Zustand. Ich hatte das Gefühl, ich müsse jeder Bitte von anderen Menschen gerecht werden.

Zusätzlich bot ich mich auch für Wunscherfüllungen an, die ich bei anderen zu erraten glaubte. Da musste eine ferne Bekannte nur stöhnen: „Nächsten Samstag ist doch mein Umzugstag. Kannst Du mir nicht beim Packen helfen?" Reflexartig sagte ich: "Natürlich, ich helfe dir gerne!"

Anstatt mich von der Woche zu erholen, packte ich dann müde und schwitzend fremde Sachen in riesige Kartons, putzte schmutzige Badewannen und kochte Spaghetti für das gesamte Umzugsteam. Nicht, dass an Hilfsbereitschaft etwas falsch ist, aber sie kam nicht immer von Herzen! Ich erfüllte lediglich die Erwartung anderer und glaubte, ich würde ihre Liebe verlieren, wenn ich nicht zu ihren Diensten stünde.



Hin zu mehr Entschiedenheit und erfolgreicher Abgrenzung

Im Lernprozess zu mehr Entschiedenheit und besserer Abgrenzungsfähigkeit kam dann der Punkt, an dem ich endlich auch mal „Nein“ zu sagen konnte. In meinem Innern herrschte dabei eine emotionale Mischung aus Verlustangst und Gedanken an einen gesunden Selbstschutz.

Später fiel ich vom ewigen JA Sager ins andere Extrem und blockte fast alles ab, was an mich heran getragen wurde. Gleichzeitig lieferte ich lange Erklärungen und Rechtfertigungen: „Ich würde ja gerne helfen, aber aus dem und dem Grund geht es leider nicht.“ Anschließend war ich wütend auf mich selbst, dass ich nicht einfach kurz und entspannt sagen konnte: "Sorry, das geht heute leider nicht."

Innere Zufriedenheit stellt sich ein

Mittlerweile bin ich ganz zufrieden mit meiner Fähigkeit zur persönlichen Abgrenzung. Meistens bleibe ich in kritischen Situationen innerlich und äußerlich ruhig. Fühle ich mich jedoch überfordert, falle ich wieder in meine alten Verhaltensmuster zurück. Dabei schlagen die Gemütswellen gegenüber früher in mir weniger hoch. Ich finde schneller zurück zu innerer Ruhe, zu meiner inneren Mitte.

Konkret sieht das so aus: Jemand aus meinem Bekanntenkreis möchte, dass ich ihm oder ihr helfe. Dabei spüre ich intuitiv die unausgesprochene Bitte: "Ich wäre sehr enttäuscht, wenn Du nicht kommen würdest".

Ich beginne, innerlich zu rotieren und merke, wie alte Gedanken wieder hochkommen. Dieses gefühlte Drama kann ich in vielen Fällen noch nicht auf Knopfdruck abschalten. Es ist immer noch wie ein Wirbelsturm in mir.
 In solchen Momenten halte ich inne und atme erst einmal tief durch. Ich gebe mir die Chance, diese innere Welle abebben zu lassen, bis ein Zustand der Ruhe und Erleichterung einkehrt.

Ich sage mir selbst: „Ich MUSS ja nicht! Niemand kann mich zwingen zu helfen. Es liegt ganz bei mir. Ich entscheide mich erst, wenn ich innerlich zur Ruhe gekommen bin. Dann spüre ich meine souveräne Entscheidungsfähigkeit. Das, was ich wirklich will! Manchmal bitte ich auch um etwas Zeit für meine Antwort. Ich sage: „Ich schaue später in meinen Kalender und sage Dir bescheid.“

Wichtige Kriterien sind dabei sicherlich der Grad der Freundschaft und der Blick auf eine gesunde Balance aus Geben und Nehmen. Meine Entscheidung wird zu einer echten Herzensentscheidung!

Die Kunst, sich frei zu entscheiden

Eine wichtige Erkenntnis in meinem Lernprozess war: Die Unfähigkeit, mich frei zu entscheiden und mich selbst zu schützen hatte nichts mit den Menschen zu tun, die etwas von mir wollten. Es waren meine alten Denkmuster, die sich mein gesamtes Leben durchgezogen haben. Ich zog die Situationen beinahe magisch an, denn andere hatten mich schnell durchschaut. Erst Krankheit und Burnout haben mich dazu gebracht, einen Schlussstrich zu ziehen.

Ob es in Zukunft noch einfacher wird? Ich weiß es nicht! Aber ich bin sehr zufrieden mit dem, das ich inzwischen erreicht habe. Ich habe gelernt NEIN zu sagen und dabei innerlich gelassen zu bleiben. Heute bin ich immer noch ein hilfsbereiter Mensch, erkenne allerdings meine Grenzen und schütze mich im richtigen Augenblick selbst.

Zu meinem anfänglichen Erstaunen habe ich die Liebe und Wertschätzung meiner wichtigsten Mitmenschen zu keinem Zeitpunkt verloren. Auch wenn sie zuerst von meiner Reaktion - meinem NEIN - überrascht waren. Und zugegeben, ein paar Menschen habe ich mittlerweile aus den Augen verloren. Diese waren lediglich an meiner selbstlosen Unterstützung interessiert und weniger an mir als Mensch. Diese Kontakte vermisse ich heute nicht mehr.

Ich habe zu einem besseren Selbstwertgefühl gefunden. Und anstelle einer selbstlosen Aufopferung ist ein respektvolles Miteinander auf Augenhöhe getreten. Ende

 

 

Sich besser abzugrenzen, entschiedener zu leben - leichter Ja oder auch Nein sagen zu können - ist erlernbar. Es ist Trainingssache! Als Zutaten dazu gehören die Erkenntnis, was ich selbst für mich und mein Leben will, Disziplin und eine Portion Mut. Das bedeutet nicht, von nun an blindlings vorschnelle Entscheidungen zu treffen. Vorsicht und eine gesunde Abwägung gehören weiterhin dazu.

Entscheidungen bedeuten immer auch Entbehrungen. Ich habe viele Menschen getroffen, die ernsthafte Krankheiten davon getragen haben, weil sie es anderen zu lange recht gemacht haben, ohne auf die eigenen Kräfte und Bedürfnisse zu schauen.

 

10 Tipps für mehr Entschiedenheit und bessere Abgrenzung

  1. Entschiedenheit trainieren bedeutet, nicht von Anfang an sicher und souverän damit umzugehen. Ganz normal! Seihen Sie nachsichtig mit sich sich!
  2. Üben Sie zu Beginn mit Entscheidungen, die keine großen Auswirkungen nach sich ziehen. Beispielsweise: "Nein, ich komme heute Abend nicht mit in die Kneipe! Ich bleibe zu hause und erhole mich in Ruhe von der anstrengenden Woche."
  3. Dieser Lernprozess kann manchmal auch zu unangenehmem Bauchgrummeln führen. Wir haben schließlich jahre- oder sogar jahrzehntelang anders gehandelt. Seien Sie sich dessen einfach bewusst und zeigen Sie Verständnis für Ihre emotionalen Reaktionen.
  4. Üben Sie sich in der Kunst NEIN zu sagen: Eindeutig, klar und zum richtigen Zeitpunkt. Vermeiden Sie lange Erklärungen und Rechtfertigungen.
  5. Oft stehen die Angst vor Ablehnung und Ausgrenzung hinter unserem Verhalten. Deshalb passen wir uns lieber an. Wir müssen lernen, dass wahre Stärke nur von innen kommt. Machen Sie sich unabhängiger von der Anerkennung von außen. Machen Sie sich klar, was Sie verlieren können und ob es sich lohnt, dafür auf Eigenständigkeit zu verzichten. 
  6. Wer in Entscheidungssituationen emotionale Unruhe verspürt, sollte sich Zeit für seine Entscheidung verschaffen und erst einmal tief durchatmen. Ein innerlich erstarrter Mensch ist kaum in der Lage, für sich einzustehen und die richtigen Entscheidungen zu treffen. 
  7. Es ist erlaubt, zu sich zu stehen und einen Rückzieher zu machen. Wir können uns korrigieren und jemandem sagen: „Es tut mir leid, ich muss leider meine Zusage zurücknehmen.
  8. Wir können uns andererseits auch darin üben, zu unseren Entscheidungen zu stehen und uns nicht überall ein Hintertürchen offen zu halten. Alles hat seinen Preis! Lerne, Entscheidungen zu treffen und dazu zu stehen! Das verschafft uns innere Sicherheit.
  9. Wir leben in einer Zeit, in der Viele immer mehr wollen und ihr Leben täglich optimieren. Das führt zwangsläufig zu Frust und Enttäuschung. An hohen Ansprüchen ist sicherlich nichts falsch! Nur: Manchmal sollten wir einfach zufrieden und dankbar über das sein, was wir sind und was wir haben. Das nimmt Druck aus einer ständig hohen Erwartungshaltung. 
  10. Dankbarkeit fällt uns leichter, wenn wir uns nicht ständig mit anderen vergleichen! Stehen Sie zu sich, genau so wie Sie sind! 

 

Die Geschichte ist ganz sicher kein frauliches Thema, sondern ein menschliches! Das Erlernen einer besseren Entschiedenheit und Abrenzung geht nur in Minischritten, mit Zeit und Geduld. Dafür allerdings umso erfolgreicher. Es lohnt sich!